Fünf Minuten mit ... Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerk GmbH

Diesen Monat sprachen wir mit Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerk GmbH (AÜW). Der größte regionale Energiedienstleister im Allgäu ist seit 90 Jahren im Markt und treibt innovative Projekten rund um erneuerbare Energien und E-Mobilität voran, die bayern- und bundesweit Beachtung finden.

Stichwort Energiewende – Ihre Branche vollzieht einen tiefgreifenden Wandel. Welche Aufgaben hat dabei ein regionaler Energieversorger wie die AÜW?


Die Energiewende hat einen Transformationsprozess in der Branche ausgelöst, weg von einer zentralen hin zu einer dezentralen Welt. Wenn wir 2050 über 80 Prozent Erneuerbare Energien haben, wird Strom sozusagen als Flatrate zur Verfügung stehen und Leistung wird das neue Gold der Energieversorgung sein – es geht also weg vom Arbeitspreis hin zum Leistungspreis. Natürlich verändert sich im Rahmen der Digitalisierung auch das Kundenverhalten stark, gerade in ländlichen Gebieten oder in Regionen mit höherer Kaufkraft. Denken Sie an Themen wie Autarkie, Eigenverbrauch, dezentrale Speicher, E-Mobilität und vieles mehr. Hier sind wir als regionaler Energieversorger gefordert, die richtigen Impulse zu geben und wegweisende Projekte anzugehen, in enger Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern aus der Region.


Ein solcher Transformationsprozess verlangt von allen Marktakteuren eine strategische Ausrichtung. Können Sie darauf näher eingehen?

Richtig, viele Versorger stehen vor der Überlegung, ob sie ein reiner Infrastruktur-Anbieter werden. Wir dagegen wollen unseren Kunden ein System-Dienstleister sein und sie Schritt für Schritt ins Ökozeitalter begleiten – und auch in die Welt der Digitalisierung. Wer heute ein Eigenheim hat, wird schon bald wissen wollen: Wer managt meinen Energiespeicher? Wer sorgt dafür, dass mein Elektroauto immer genügend Strom hat... Diesen Fragen nehmen wir uns an und sind sehr aktiv, was Innovationen angeht. Der Bedarf daran ist riesig. Gerade beim Thema Speicher. Auch deshalb glauben wir an intelligente Netze!


Wo setzen Sie mit neuen Lösungen an, welche Innovationen treiben Sie voran?

Als mittelständischer Energieversorger verfügen wir über vergleichsweise kleinere Budgets, spielen aber doch in vorderster Reihe mit. Ein gutes Beispiel ist das Forschungsprojekt IRENE, das wir zusammen mit unseren Projektpartnern Siemens, der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen) und der Hochschule Kempten auf den Weg gebracht haben. Laut Aussage von Siemens haben wir eines der intelligentesten Smart Grids in Europa aufgebaut. Damit konnten wir simulieren, wie die Welt 2025 aussehen wird, wenn wir also einen hohen Anteil an Erneuerbaren Energien im Netz haben. Hier sind konkrete Lösungen gefordert, wie sich große Speicher und Elektromobilität integrieren lassen, und wie intelligente Netztechnik aussehen muss. Wir haben herausgefunden, dass durch bessere Steuerung und präzise, hochauflösende Planung viel Geld gespart werden kann. Bei uns im Unternehmen sind es gut 600.000 Euro pro Jahr, auf Deutschland hochgerechnet kommen wir auf einen volkswirtschaftlichen Vorteil von 55 bis 75 Mio. Euro Einsparungen pro Jahr. Das sind konkrete, valide Ergebnisse. Die TUM (Technische Universität München) und die RWTH Aachen haben das bestätigt. Hier leisten wir einen Mehrwert für die Gesellschaft. Im Moment untersuchen wir bei IRENE in zwei Showcases die Fähigkeit des Netzes, sich abzukoppeln und autark hochzufahren, für den Fall eines Blackouts. Das ist zwar weniger für Deutschland interessant, aber umso mehr für Länder, die ein instabiles Stromnetz haben, wie zum Beispiel in Osteuropa oder auf den Galapagos-Inseln. Auch Siemens ist hier sehr interessiert. Denn weltweit gibt es viele Industrieregionen, für die eine solche intelligente Netzsteuerung sehr wertvoll wäre, weil sie damit ihre Produktion aufrecht erhalten können.


Haben Sie auch von Fördermitteln aus Bayern profitiert?

Ja, bei einem anderen Zukunftsprojekt: Mit rund 1,4 Mio. Euro Finanzmitteln aus Bayern bauen wir derzeit an der Iller ein neues VLH-Laufwasserkraftwerk (VeryLowHead), mit einer Technologie, die erstmals in Deutschland eingesetzt wird – ideal für den Einsatz in Flüssen mit niedrigen Fallhöhen. Allein in Bayern gibt es ungefähr 700 Wehre, die mit diesem Kraftwerk ausgerüstet werden könnten! Das Besondere daran ist der hohe Wirkungsgrad, aber auch die Fischverträglichkeit. So kommen Ökonomie und Ökologie in Einklang. Wir haben für dieses Vorzeigeprojekt zusammen mit der Bayerische Landeskraftwerke GmbH die Illerkraftwerk Au GmbH (IKA) gegründet und konnten das bayerische Finanzministerium als Unterstützer gewinnen. Gegen Ende dieses Jahres wird unser neues Wasserkraftwerk ans Netz gehen. Darüber hinaus haben wir für unsere innovativen Vorhaben auch bereits Unterstützung auf Bundesebene erhalten – beispielsweise vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi).


Als Vorreiter bauen Sie auf das Know-how von Fachkräften, aber Sie brauchen auch kompetente Partner und Kunden mit Weitblick. Welche Rolle spielt der Standort Bayern dabei für Sie, hinsichtlich Bildungsniveau und Lebensqualität?

Mit Fachkräften aus dem Allgäu haben wir gar kein Problem, und auch Spezialisten aus anderen Bundesländern und dem Ausland können wir meist schnell überzeugen. Schließlich ist das Allgäu auch eine Region mit sehr hoher Lebensqualität. In punkto Nachwuchskräfte arbeiten wir eng mit der Fachhochschule zusammen. Wir haben einen guten Namen. Viele Allgäuer sind recht heimatverbunden, hier spielt Work-Life-Balance eine große Rolle. Und auch das Umweltbewusstsein ist bei Bürgern und Wirtschaft stark ausgeprägt. Es stimmt schon: Wir arbeiten hier, wo andere ihren Urlaub verbringen.


Verraten Sie uns, welche Ziele im Allgäu Sie in Ihrer Freizeit gerne ansteuern?

Ich komme aus Oldenburg in Niedersachsen und kenne noch längst nicht jeden Winkel im Allgäu. Aber es gibt so viele schöne Plätze. Vor kurzem habe ich eine Stand-Up-Paddle-Tour auf der Iller gemacht. Ansonsten gehe ich viele Ski- und Bergtouren – immer wieder gerne aufs Nebelhorn und Fellhorn.

Bayerns Wirtschaft ist lebendig – dazu tragen vor allem die Menschen, die hier arbeiten und leben, bei. In unserer Rubrik „5 Minuten mit …“ stellen wir jeden Monat eine interessante Persönlichkeit aus Wirtschaft und Forschung vor.