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Vom Chenilletuch bis zur Spende eines Seniorenhauses – Die Geschichte einer japanischen Unternehmerin

Die Produkte von Feiler, die aus Bayerns traditionellem Chenille-Stoff hergestellt werden, bestehen aus hochwertigen, weichen Gesichtstüchern mit wunderschönem floralen Design, sowie Handtaschen und Schürzen aus demselben Material und erfreuen sich großer Beliebtheit bei japanischen Frauen. Die Firma Feiler, die diese Tücher herstellt, liegt 65km östlich vom für das Wagner Festspielhaus bekannte Bayreuth, in einem kleinen Ort mit 1500 Einwohnern namens Hohenberg a.d. Eger an der Grenze zur Tschechischen Republik. Mit seiner Gründung im Jahr 1928 hat das Unternehmen schon eine Geschichte von rund 90 Jahren hinter sich. Das in Japan so beliebte „Feiler" Handtuch hat an diesem Ort seinen Ursprung. Es ist genau eine der Marken, die Bayern so stolz macht. Im November 2017 wurde hier die Senioreneinrichtung "Yamakawa Seniorenhaus (YSH)" eröffnet. Die Namensgeberin, eine Japanerin namens Kazuko Yamakawa, ist die Heldin dieser Geschichte.

Frau Yamakawa trägt sich als Ehrenbürgerin in das Goldene Buch der Stadt Hohenberg ein (von Links: Bürgermeister Jürgen Hoffmann, Frau Kazuko Yamakawa, Gesundheitsministerin Melanie Huml

Frau Kazuko Yamakawas erste Begegnung mit Feiler-Tüchern war im Jahr 1968, als sie mit ihrem Ehemann Ahron auf Europareise war. Sobald sie die im Spezialgeschäft aneinandergereihten schönen Tücher erblickte, war sie von ihrer Schönheit fasziniert und kaufte sofort so viele Tücher, wie es ihr Bargeldvorrat erlaubte.
Es war eine "Schicksalsbegegnung ". Zu diesem Zeitpunkt war ihr jedoch noch nicht bewusst, dass diese Begegnung ihr restliches Leben komplett verändern würde.

Das Paar Yamakawa, das die Vertriebsfirma "Montrive" in Japan gegründet hatte, importierte im Jahr 1970 zum ersten Mal Feiler-Tücher nach Japan. Bis diese aber ihrem wahren Wert gerecht wurden und Feiler-Produkte zur Luxusmarke heranwuchsen, mussten vielfältige Hürden überwunden werden. Nachdem das Ehepaar zuerst mit dem Import von Tüchern begonnen hatte, entwickelte es nach und nach weitere kreative Frauen- und Haushaltsprodukte, die aus dem gleichen hochwertigen Feiler-Chenille-Stoff hergestellt wurden. Dank der sorgfältigen Herstellung durch die Firma Feiler und der Produktverbreitung in Japan, konnten beide Unternehmen ihr Geschäft schrittweise erweitern.

Auf diese Weise hat das Yamakawa-Paar „Feiler" zu einer aus Japan nicht mehr wegzudenkenden Marke gemacht, gab das Geschäft jedoch im Jahr 2007 an ein Nachfolgeunternehmen weiter. Der bisherige Erfolg wäre ohne die jahrelange Kooperation mit der Firma Feiler unmöglich gewesen, dachte das Paar, und überlegte, wie es ihr Gefühl der Dankbarkeit irgendwann, in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringen könnte.

Ahron verstarb im Jahr 2012 nach einem langen Kampf gegen seine Krankheit, aber Kazuko sagte: „Irgendwann möchte ich der Stadt etwas als Dank zurückgeben ", um so die Gefühle des Paares zeigen und  besprach sich mit Bürgermeister von Hohenburg, Jürgen Hoffmann, und der Mitinhaberin von Feiler, Dagmar Schwedt.

Zu dieser Zeit war die Verbesserung des Pflegesystems für Senioren in der Stadt ein dringendes Problem. Nachdem Frau Yamakawa hörte, dass die Stadt Hohenberg über keine eigene Pflegeeinrichtung für Senioren verfügte und sie aus eigener Erfahrung wusste, wie viel Arbeit die Seniorenpflege bedeutet, entschied sie sich, der Stadt eine Senioreneinrichtung zu spenden.

Dabei ging es nicht nur darum, dass Pflegeeinrichtungen in kleinen Städten
fehlten, sondern auch, dass die Abwanderung der jungen Bevölkerung in die Städte das Problem des demographischen Wandels verstärkt. Dass die neue Einrichtung zur Revitalisierung der ganzen Stadt beitragen kann, spielte also ebenfalls eine Rolle.
Für diesen Zweck gründete Frau Yamakawa die YSH-Stiftung und spendete 3,47 Millionen Euro als Investition für die neue Einrichtung.

Da das Projekt, das 2013 begann, einzigartig und beispiellos ist, war es bei der Erstellung des Konzepts der Einrichtung notwendig, viele Probleme zu lösen. Glücklicherweise wurde das Grundstück von Frau Schwedt von Feiler bereitgestellt, außerdem kam finanzielle Unterstützung von verschiedenen Quellen, angefangen bei der Regierung von Oberfranken, aber auch von der bayerische Landesregierung, die zufällig zur gleichen Zeit den Marktplatz der Generationen initiiert hat und den Ausbau der Seniorenpflege als wichtige Maßnahme förderte.

Die fertiggestellte Anlage befindet sich nun im Zentrum der Stadt Hohenberg. Auf dem 9000 m² großen Gelände sind nicht weniger als 75 Kirschblütenbäume gepflanzt, 1180 m²  ebener Pflegeeinrichtungen sind eingerichtet. Der mit Besuchsbetreuung, Intensivpflege und Tagesbetreuung aus drei Gebäuden bestehende Komplex beinhaltet auch japanische Konstruktionselemente. 15 Tagespfleger kümmern sich um die 16 Bewohner. Es wird erwartet, dass es sich sowohl zu einem wichtigen Pflegestützpunkt für die Region, als auch zu einem neuen Ort für das Zusammentreffen zwischen Einwohnern, mit der Familie und zwischen den Generationen entwickelt. In der Einrichtung ist ein eigens für den Austausch vorgesehener Bereich eingerichtet worden.

Am 16. November 2017 fand die feierliche Eröffnungszeremonie statt, an der die Bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml sowie der Generalkonsul Tetsuya Kimura vom Japanischen Generalkonsulat München, der Bürgermeister von Hohenberg und Mitglieder der Firma Feiler teilnahmen. Viele lokale Medien berichteten von dem Event. Zur Erinnerung an das "Yamakawa Seniorenhaus (YSH)", gab die Firma Feiler das Erinnerungs-Handtuch "Sakura" mit Kirschblütenmotiv heraus. 10 % der Umsätze des Tuchs gehen an YSH.

Bei der Zeremonie wurde außerdem eine Broschüre verteilt, in der die Geschichte und Hintergründe zur Gründung des YSH sowie die Gedanken des Yamakawa-Paars festgehalten sind.Darin schreibt Kazuko über die Rolle und Zukunft von YSH: "Natürlich sind die Einrichtung und die Ausstattung für die Pflegebedürftigen wichtig (tangibles). Allerdings ist viel wichtiger, dass sie gut versorgt werden, getragen von Herzlichkeit und Vertrauen – das macht die Qualität der Pflege aus, das sind die immateriellen Werte (intangibles).“
Außerdem erzählt sie von ihrer Vision vom „Zusammenhalt“. So soll das YSH zu einem sozialen Zentrum werden, das den Geist des Zusammenlebens und Zusammenhalts zwischen den Hohenbergern stärkt.

Dass ein Chenille-Tuch aus Bayern nach 50 Jahren eine solch große Rolle bei der Verbindung von Bayern und Japan spielen wird, überrascht. Gleichzeitig zeigt es, dass die Leidenschaft des Yamakawa-Paares nicht nur materiell, sondern auch emotional Bayern und Japan tief miteinander verbunden hat, und ist großen Dank sowie vom Herzen tiefsten Respekt wert.


Frau Yamakawa unterhält sich mit den Bewohnern des Yamakawa Seniorenhauses