Eine uralte bayerische Tradition: das Karteln

Die Kultur eines Landes spiegelt wider, was das Zusammenleben der Menschen einer Gesellschaft ausmacht: Architektur, Sprache, Kleidung, Essen – alle diese Elemente tragen eine bestimmte Handschrift. In Bayern stehen vielen von ihnen vor allem für den Geist der Geselligkeit. So auch das Karteln, eine uralte Tradition im Freistaat.

Wer einmal in seinem Leben in eine echt-bayerische Dorfkneipe eingekehrt ist, der hatte ganz sicher schon Kontakt mit ihnen: Kartler. Seit hunderten Jahren hat das Kartenspielen Tradition in Bayern – schon seit dem Mittelalter sollen die Bayern leidenschaftliche Kartenspieler sein. Als Belege dafür wertet man die Kartenspiel-Verbote von 1378 und 1380 , die in Regensburg und Nürnberg erlassen wurden. Es müsse rund gegangen sein in den Gast- und Wohnstuben, dass solche Maßnahmen nötig wurden, glaubt man heute. Zieht man in Betracht, dass die Europäer richtiges Papier erst Ende des 14. Jahrhunderts herstellen konnten, waren die Bayern in Sachen Kartenspiel also absolute Trendsetter.

Dies bestätigen auch Forschungen, die den Stammbaum spezieller bayerischer Spielkarten bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen: Die klassischen bayerischen Spiele lassen sich nämlich nicht mit herkömmlichen Karten spielen. Dafür braucht man ein ganz besonderes Blatt – mit Eichel, Laub, Herz und Schellen. Sie finden sich ebenso im Regensburger Bild, das vor allem im 18. Und 19. Jahrhundert genutzt wurde, wie im Bayerischen Bild des Münchner Kartenmachers Josef Fetscher, das um 1875 an seine Stelle trat.

In Bayern weit verbreitete klassische Kartenvariante: das Mitteleuropäische Blatt mit Eichel, Laub, Herz und Schellen.

Der absolute Klassiker unter den bayerischen Kartenspielen ist das Schafkopfen – ein Spiel, das eigentlich gar nicht aus Bayern stammt, sondern unter dem Namen Lomber beziehungsweise L’Hombre aus Spanien und Frankreich bekannt ist. Trotzdem ist es mittlerweile untrennbar mit Bayern verbunden: Welchen Stellenwert das Spiel in der bayerischen Kultur einnimmt, sieht man daran, dass es sogar Initiativen gibt, die das Schafkopfen ins bayerische Schulsystem integrieren wollen, um seine Tradition zu bewahren und über Generationen weiterzutragen. Gespielt wird zu viert, während jeder Runde bilden sich Zweierpärchen, die dann gegeneinander spielen. Ziel einer Partie ist es, durch das übertrumpfen der Gegner mindestens 61 von 120 möglichen Punkten zu sammeln – in der Solo-Variante spielt man ohne Pärchenbildung. Eine besonders in Oberfranken weit verbreitete Variante des Schafkopfen ist das Mucken. Die genauen Regeln unterliegen regionalen Gepflogenheiten, es wird jedoch stets als Paar gezockt – Soli oder Rufspiele gibt es nicht. Das Mucken ist Teil der fränkischen Wirtshauskultur und so erfreuen sich im nördlichsten Regierungsbezirk Bayerns Muckturniere hoher Beliebtheit.

Doch das Schafkopfen und das davon abgeleitete Mucken allein machen die bayerische Kartel-Kultur noch nicht aus. Daneben existieren viele weitere Spiele, die man entweder nur in Bayern oder zumindest vorrangig im süddeutschen Raum spielt. Dazu zählt in erster Linie das Watten, das ursprünglich aus Südtirol stammt. Watten kann man zu viert und wieder im Zweiterteam spielen. Ziel ist es, das gegnerische Pärchen pro Spiel mindestens dreimal auszustechen. Wie das Schafkopfen wird auch das Watten in Bayern traditionell gern im Turniermodus gespielt. Da es sich beim Watten allerdings anders als beim Schafkopfen um ein Glücksspiel handelt, sind bereits Veranstalter solcher Turniere mit dem Gesetz in Konflikt geraten  – ein Konflikt der Tradition mit der neuen Zeit. In den eigenen vier Wänden ist Watten aber natürlich weiterhin erlaubt. Genau wie das Turnier-Watten ohne Geldeinsatz.

Neben dem Schafkopfen und dem Watten existieren außerdem noch zwei weitere Spiele, die sich besonderer Beliebtheit erfreuen und untrennbar mit Bayern verbunden sind. Sie heißen Grasobern und Wallachen. Ersteres ist ein traditionelles altbayerisches Spiel, letzteres kennt und spielt man vor allem in Ostbayern. Bei beiden geht es darum, die Gegner mit den ausgespielten Karten auszustechen – allerdings gibt es zahlreiche verschiedene Spielarten, die unter anderem auch in Abhängigkeit von regionalen Gewohnheiten variieren.

Welches der Spiele und welche der Spielarten man auch bevorzugt, das Wichtigste am bayerischen Kartenspiel ist und bleibt die dahinter stehenden Idee, Menschen zusammen zu bringen. Politik, Religion, Armut oder Reichtum – all das wird beim Karteln zur Nebensache. Das beste Beispiel sind die noch heute überall etablierten, parteiübergreifenden Schafkopfrunden in Kreistagen und Stadt- oder Gemeinderäten. Beim Karteln sind alle gleich und mit derselben Leidenschaft dabei: Genau in diesem Sinne, im Sinne der Geselligkeit, ist und bleibt das Kartenspielen ein zentraler Bestandteil der bayerischen Kultur.