Digitalisierung und Handwerk – Gegensätze ziehen sich an

Traditionell geprägt, regional verankert und jetzt digital? Die Arbeitswelt des Handwerks verändert sich im Zuge der Digitalisierung rasant, zumal die Branche noch am Beginn dieser Entwicklung steht. Das bietet Chancen für IT-Berater und -Dienstleister.

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Google-Ranking, Online-Shops, digitale Auftragsmanagementsysteme oder die 3D-gestützte Fertigung von Bauteilen – die Chancen, die sich Handwerksbetrieben durch die Digitalisierung eröffnen, sind riesig. Zudem bieten die gewachsenen Anforderungen an digitale Lösungen im Handwerk auch spannende Möglichkeiten für Betriebe aus dem Bereich der Digitalisierung.

Handwerksbetriebe haben hierbei ganz individuelle Erwartungen, denn die Branche ist vielfältig und kleinteilig geprägt. Allein in Bayern, wo das Handwerk traditionell stark ist, existieren mehr als 202.000 Handwerksbetriebe, die einen jährlichen Umsatz von mehr als 98 Milliarden Euro erwirtschaften. Dennoch sind die Betriebe meist sehr unterschiedlich strukturiert. Fest steht: Bei der Vielzahl an Gewerken und Tätigkeiten kann es kein Patentrezept geben, wie ein Handwerksbetrieb von der Digitalisierung profitieren kann. Dies bedeutet, dass sich Anbieter für digitale Lösungen im Handwerk mit sehr unterschiedlichen Anforderungen befassen und sehr individuelle Lösungen erarbeiten müssen.

Viele Betriebe haben den Sprung ins kalte Wasser bereits gewagt, mit einer eigenen Homepage oder einem Facebook-Auftritt. Doch das ist erst der Anfang einer tiefgreifenden Veränderung der Branche. Mit dem deutschlandweit einzigartigen „Digitalbonus“ oder den sogenannten eBusiness-Lotsen schreitet der Freistaat bei der Digitalisierung des Handwerks aktiv voran. Der Nutzen und die Notwendigkeit, Geschäftsmodelle und -prozesse zu digitalisieren sind dabei unbestritten, es fehlt vielen Betrieben schlichtweg die nötige Zeit oder das Know-How, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Denn was der Begriff Digitalisierung für den einzelnen Handwerksbetrieb bedeutet, ist nicht auf den ersten Blick klar. Hier sind die Experten, die Unternehmen aus der Digitalisierungsbranche, mit ihren individuellen Lösungsansätzen gefragt. 

Handwerk vor tiefgreifenden Veränderungen


So kann es beispielsweise sinnvoll sein, ein digitales Archiv mit sämtlichen Unterlagen, Geschäftsbriefen, Rechnungen etc. anzulegen, statt wie bisher noch alles in Aktenordnern zu sammeln. Auch das Thema IT-Sicherheit spielt für Handwerksbetriebe eine große Rolle, ebenso wie die offensive und selbstbewusste Online-Vermarktung der eigenen Leistungen.

Im Baugewerbe wird das sogenannte „Building Information Modeling“ (BIM) bald unverzichtbar sein, betrachtet man Vorreiter wie die USA oder Großbritannien. Beim BIM arbeiten alle am Bau beteiligten Gewerke wie Maurer, Elektriker oder Dachdecker softwaregestützt gemeinsam an einem Bauprojekt. Statt Zeichnungen oder Tabellen aus Papier nutzt man nun Bauwerkinformationsmodelle, bei denen Architektur, Materialien, Mengen und Eigenschaften jederzeit über den Computer abgerufen werden können. Dadurch lässt sich Zeit und Geld sparen, denn die Software berechnet, wie sich Abhängigkeiten oder Änderungen im Bauprozess auf Zeitplanung und benötigtes Material auswirken.

Best-Practices aus Oberfranken

Auch wenn die flächendeckende Einführung von BIM in Deutschland noch nicht Realität ist, gibt es in anderen Gewerken bereits Pioniere, die zeigen, wie sich die Digitalisierung effektiv nutzen lässt. So hat die Landmetzgerei von Daniel Lindner (clickandgrill GmbH) aus dem oberfränkischen Zochenreuth durch das Internet Kunden in ganz Deutschland gewonnen. Der Juniorchef hat früh erkannt, dass weiteres Wachstum für die Metzgerei nur online möglich ist. Die Idee: Mit einer Spezialisierung auf Gourmet-Fleisch wie Dry Aged Beef oder Wagyu-Rindfleisch sollten neben der Stammkundschaft zusätzliche Kunden hinzugewonnen werden. Mit Erfolg. Über einen neu eingerichteten Online-Shop vertreibt die Metzgerei nun ihr Edelrindfleisch in ganz Deutschland und Österreich.

Auch bei der Bittner Werkzeugbau und Stanzerei GmbH (biTTner Werkzeugbau GmbH) aus der Nähe von Coburg geht man durch die Digitalisierung neue Wege. Der Betrieb mit 30 Mitarbeitern fertigt Blech-, Aluminium- oder Kupferteile in Groß- und Kleinserien für den industriellen Bedarf, etwa aus dem Bereich Automotive. Zukünftig will der Handwerksbetrieb über den elektronischen Datenaustausch Bestellungen von Kunden direkt in die EDV des Unternehmens einspielen. Ohne eine eigene IT-Abteilung stellen die nötigen Systemanpassungen eine große Herausforderung für den kleinen Mittelständler dar, die sich aber durchaus lohnen. Bittner erwartet von der Umstellung signifikante Zeit- und Kostenersparnisse. 

Die genannten Beispiele zeigen nicht nur, dass die Digitalisierung für das Handwerk enorme Vorteile bringen, sondern auch, dass bayerische Traditionsarbeit mit moderner Technik Hand in Hand gehen kann. Ebenso zeigen diese beiden Vorreiter, welche Chancen sich daraus auch für Dienstleister aus der Digitalisierungsbranche ergeben.