Bayerisches Fingerhakeln: Traditionell über den Tisch gezogen

Schon gewusst? Die Redewendung „Jemanden über den Tisch ziehen“ hat ihren Ursprung im Brauchtumssport des Fingerhakelns. Der außergewöhnliche Sport verlangt den Teilnehmern nicht nur Körperkraft, sondern auch ein hohes Maß an Reaktionsvermögen und Schmerzresistenz ab. Erfahren Sie mehr zum bayerischen Heimatsport, dem Pflegen alter Bräuche und den strengen Regeln für professionelle Fingerhakler.

Fingerhakeln (Quelle: chiemsee-alpenland.de, © Hias Sellhuber)

Ursprung des Volksportes

Hinter dem Fingerhakeln verbirgt sich ein traditionelles alpenländisches Kräftemessen, das bereits im 16. Jahrhundert erwähnt und vorwiegend in Bayern und Österreich betrieben wurde. Angeblich hat man damit früher Streitereien und Meinungsverschiedenheiten ausgetragen. Dazu saßen zwei Streithähne gegenüber an einem Tisch und versuchten, den anderen mit dem eigenen Mittelfinger zu sich herüberzuziehen. Um das Fingerhakeln für sich zu entscheiden, zählte vor allem körperliche Kraft, das Überwinden des Dehnungsschmerzes und die persönliche Technik. Spätestens mit der Gründung des Schlierachgauer Fingerhakler Vereins hat sich der Volkssport im Freistaat etabliert.

Hakeln im 21. Jahrhundert

Heute gibt es über ganz Bayern und Tirol hinweg zwölf Fingerhakler-Gaue. Außerdem hat sich das Hakeln in seiner heutigen Form als organisierter Sport gefestigt. Nachdem der offizielle Startschuss in Form des Ausrufes "Beide Hakler - fertig - zieht!" gefallen ist, legen sich zwei Gegner gleichzeitig ins Zeug, um den anderen im wahrsten Sinne über den Tisch zu ziehen. Wichtig ist, dass das nicht mit reiner Muskelkraft, sondern mit nötigem Gefühl geschieht. Neben der Nutzung der nackten Finger – mit Ausnahme des Daumens – gibt es auch die Möglichkeit, einen Lederriemen als Einhakmöglichkeit zu nutzen. Damit die Sportler ihre Kraft gekonnt einsetzen und ihre Ziehfinger an die Bewegung trainieren, schwören viele Fingerhakler auf das heimische Gewichttraining. Nach ausreichendem Training dürfen die besten Sportler in jährlich ausgerichteten bayerischen, deutschen und international alpenländischen Meisterschaften ihr Können unter Beweis stellen.

Meisterschaften für Fingerhakler

Auf den regelmäßigen Wettbewerben können die Teilnehmer in einer der 14 Gewichts- und Altersklassen antreten. Doch egal ob Jung oder Alt, jeder Profi muss sich an vorgeschriebene Regeln halten. Eine der grundlegenden Vorschriften ist, dass ausschließlich Männer teilnehmen. Für den Brauchtumserhalt sollten diese die Bühne nur in bester Tracht betreten, ideal ist eine Lederhose mit Patina und ein prächtiger Gamsbart am Hut. Wichtig ist zudem, dass die Teilnehmer dem Landesverband Bayerischer Fingerhakler angehören oder seit mindestens einem Jahr einem Gau oder Verein zugehörig sind. Sobald sich zwei Gegner gegenübersitzen, wird der Wettbewerb nach dem bekannten Startruf am genormten Tisch mit einem circa zehn Zentimeter langen und sechs bis acht Millimeter starken Lederriemen in einem erweiterten k.o.-System ausgetragen. Das bedeutet, dass der Unterlegene erst nach zwei Niederlagen ausscheidet. Für mehr Grip zum Fingerhakeln ist nur die Verwendung von Pulvermagnesium erlaubt. Zudem wird ein Fingerhakler-Duell aus Sicherheitsgründen nicht ohne je einen sitzenden Auffänger hinter den zwei Teilnehmern veranstaltet.


Übrigens, neben dem Fingerhakeln gibt es auch das Boahakeln und Gnackziagn: Beim Boahakeln verknoten die Gegner ihre Kniekehlen ineinander und versuchen, das Bein des Kontrahenten zu Boden zu drücken. Das Gnackziagn steht für starke Halswirbel. Denn dabei stecken die Teilnehmer ihre Köpfe durch einen Tuchstrang, um den Gegner rückwärts und mit reiner Nackenkraft über die Trennlinie zu ziehen.