Chemie Feb 16, 2021

5 Minuten mit ... Herrn Hiroyuki Kamata, General Manager von Toray AMCEU

Im Januar 2019 eröffnete das japanische Unternehmen Toray Industries Inc. in Neufahrn bei München das Automotive Center Europe (AMCEU). Was das Unternehmen von diesem Standort aus anstrebt und warum die Standortentscheidung für Bayern getroffen wurde, fragen wir Herrn Hiroyuki Kamata, General Manager, R&D, Advanced Materials von Toray AMCEU.

Toray besitzt bereits mehrere Tochtergesellschaften in Deutschland. Warum haben Sie Neufahrn nördlich von München als neuen Standort für das Automotive Center Europe (AMCEU) gewählt? 
 

Das AMCEU wurde mit dem Ziel gegründet, ein zentraler Technologieentwicklungs-standort zu werden, der durch die Nutzung fortschrittlicher Materialien und Technologien der Toray Group zur Mobilität der nächsten Generation in Europa beiträgt, insbesondere zur Innovation in der Automobiltechnik.
 
Deutschland fördert eine aktive Umweltpolitik zur Verwirklichung einer CO2-neutralen Gesellschaft, und die Entwicklung einer nachhaltigen Mobilität ist eine seiner Wachstumsstrategien im Transportwesen. Wir haben Bayern nicht zuletzt aufgrund der Fortschritte in der Automobilindustrie, welche eine lebhafte Forschung und Entwicklung begünstigen, als Standort ausgewählt. Außerdem sind hier innovative Unternehmen, die aktiv neue Materialien und Prozesstechnologien einsetzen, versammelt. Mit Blick auf die Verkehrs- und Wohninfrastruktur haben wir mehrere Standorte in Betracht gezogen und uns dann für eine Immobilie in der Nähe des Flughafens in einem Vorort von München entschieden.
 
Das AMCEU soll als Technologiestandort nicht nur Büros, sondern auch Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie Ausstellungsräume bieten. Unseren Anforderungen an ausreichend Platz, Flexibilität und hoher Erweiterbarkeit hat dieser Standort entsprochen und so haben wir uns schließlich für den NOVA Neufahrn Gewerbepark entschieden. 


Für den Aufbau des neuen Standorts haben Sie mit Invest in Bavaria Kontakt aufgenommen. Wie haben Sie von Invest in Bavaria erfahren und wie konnten Sie von der Unterstützung profitieren? 
 

Wir haben durch ein Immobilienunternehmen von Invest in Bavaria erfahren. Invest in Bavaria hat von der Gründung der AMCEU, der Entsendung von Expats bis hin zur Eröffnungsfeier viel Unterstützung geleistet.
Als zum Beispiel unsere Expats begannen, ihr Leben hier einzurichten, erhielten wir Unterstützung bei der Beantragung von Aufenthaltserlaubnis- und Arbeitserlaubnis sowie bei der Wohnungssuche. Bei der Eröffnungsfeier der AMCEU begrüßten wir mit Hilfe von Invest in Bavaria Ehrengäste aus dem Freistaat, dem Landkreis und der Stadt und konnten erste Kontakte knüpfen.
Zudem stellte uns Invest in Bavaria das Industriecluster und passende Unternehmen in unserem Umfeld vor und wir wurden über mögliche Subventionen für die Geschäftsausweitung beraten. Zum letzteren Thema haben wir auch das Büro von Invest in Bavaria in Tokio besucht, um mehr über Subventionsmöglichkeiten in Bayern zu erfahren. Wir freuen uns auf weitere Unterstützung.
 

Welche Geschäftsbereiche sind im AMCEU beheimatet? Welche Ziele verfolgen Sie am bayerischen Standort?
 

Das AMCEU als zentraler Technologiestandort der europäischen Toray Group verfolgt in den nächsten 5 bis 10 Jahren hauptsächlich folgende Ziele:
 

  1. Entwicklung neuer Anwendungen im Automobilbereich unter Verwendung innovativer Materialien der Toray Group
  2.  Verbesserung unserer Strategien für die Entwicklung neuer Produkte der Mobilität der nächsten Generation durch tieferes Verständnis der europäischen Automobil- und Teileproduzenten. 
  3. Verstärkung der Präsenz und des Bekanntheitsgrades der Toray Group in der europäischen Automobilindustrie
     

Wie bereits allgemein bekannt, erlebt die Automobilindustrie gerade große Veränderungen, wie sie nur alle 100 Jahre einmal vorkommen. Die technologische Innovation im Automotive-Sektor schreitet in einem neuen Bereich namens CASE (Connected, Autonomous, Shared & Services, Electric) voran. Fortschrittliche Materialien und Prozesstechnologie sind jedoch unerlässlich, um technische Herausforderungen in CASE zu lösen.


Daher werden wir bei AMCEU starke Partnerschaften mit Automobilherstellern und -zulieferern aufbauen und im direkten Dialog konkrete Herausforderungen und Ziele erfassen, die gelöst werden müssen. Anstatt nur Materialen anzubieten, nehmen wir aktiv an der Konzeptionierungs- und Designphase teil, um so das Beste aus den Materialeigenschaften herauszuholen. 
 

Das AMCEU hat außerdem einen Showroom. Hier zeigen wir aktuelle Beispiele dafür, wie Toray Materialien in den Bereichen Gewichtsreduzierung, Elektrifizierung, Komfort und Sicherheit von Fahrzeugen praktisch eingesetzt werden. Die Diskussion mit den Kunden im Ausstellungsraum gibt uns die Möglichkeit, die technischen Herausforderungen und neuen Anwendungen des Kunden zu identifizieren.
  
Das AMCEU soll die zentrale Entwicklungsbasis der Toray Group in Europa sein, aber auch die Zusammenarbeit mit lokalen Industrieclustern, Konsortien und Hochschulen ist eine wichtige Aktivität. Durch Zusammenarbeit mit verschiedenen Unternehmen sowie Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen werden wir unsere Fühler weit ausstrecken, um Mobilitätstechnologien der nächsten Generation – wie zum Beispiel UAM (Urban Air Mobility) – in den nächsten fünf bis zehn Jahren zu erfassen und mit der Toray Group zu entwickeln. 
 
AMCEU als deutsches Unternehmen strebt eine starke Partnerschaft an, so dass Kunden und Partner uns immer zuerst anrufen können, wenn sie auf technische Fragen zu den Materialien stoßen und Lösungen benötigen.
 

Seit der Eröffnung des Zentrums ist bereits über ein Jahr vergangen. Welche Erfahrungen haben Sie seitdem gemacht?
 

In der Zusammenarbeit bei verschiedenen Entwicklungsprojekten mit Kunden hat die Tatsache, dass das AMCEU in Bayern ist, die Kommunikation im Vergleich zu der Zeit, als wir in Japan waren, geändert. Die zuvor aufgrund des Zeitunterschieds und der Distanz erschwerte Zusammenarbeit zwischen bayerischen und japanischen Unternehmen wurde verbessert. 


Derzeit laufen verschiedene Entwicklungsprojekte mit Automobilherstellern und Zulieferern. Die Nähe zu Kunden und Partnern ist ein entscheidender Vorteil für uns. Beispielsweise kann ein Muster morgens als Prototyp erstellt und bereits am Nachmittag desselben Tages eine Besprechung im Büro des Kunden abgehalten werden. Genauso ist es möglich, dass Kunden zu AMCEU kommen und wir dort gemeinsam Muster untersuchen und besprechen.


Es ist viel einfacher geworden, Partner zu finden und mit führenden lokalen Ingenieurbüros gemeinsame Entwicklungen voranzutreiben. 
 

Wieviele Mitarbeiter sind im AMCEU beschäftigt und welche Nationalitäten sind dort vertreten? 
 

Derzeit sind ein gutes Dutzend Vollzeitmitarbeiter im AMCEU beschäftigt, von denen knapp die Hälfte aus Deutschland kommt, sowie weitere aus Indien und Japan. 

Die Expats aus Japan sind technische Experten in verschiedenen Bereichen wie Polymere, Kohlenstofffasern, Filme und Fasern, so dass AMCEU verschiedene technische Herausforderungen bewältigen kann. 

In Zukunft planen wir, die Anzahl der vor Ort beschäftigten Ingenieure zu erhöhen und unsere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten weiter auszubauen. Bayern ist eine Region mit vielen Herstellern, Ingenieurbüros, Universitäten und Forschungsinstituten. Ich denke, dies ist auch für die Rekrutierung von Vorteil.
 

Gibt es hinsichtlich der Arbeitskultur große Unterschiede zwischen Bayern und Japan? Was schätzen Sie besonders an der bayerischen Art, Geschäfte zu machen?
 

Dies ist mein drittes Mal als Expat in Deutschland, und ich habe auch dieses Mal durch meine Arbeit mit deutschen Mitarbeitern und Geschäftspartnern einige Unterschiede bemerkt. Ich möchte drei Beispiele nennen:
 

Erstens, wenn Sie ihre Meinung nicht bewusst klar zum Ausdruck bringen, wird Sie ihr Gegenüber nicht richtig verstehen. Manchmal wird es von den Japanern um mich herum missverstanden, aber in Deutschland werden logische Behauptungen eher als Diskussion denn als Disput angesehen. Sobald das Meeting beendet ist, gibt es keine Hemmungen und keinen schlechten Nachgeschmack bei der anderen Partei. Bei der Arbeit in Deutschland ist es sehr wichtig, zwischen Willensbekundung und logischer Argumentation unterscheiden zu können.
 
Ein weiterer Unterschied ist die in Japan häufig hohe Anzahl der Kopien (CC) in Emails. In Deutschland sind die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der einzelnen Mitarbeiter klar geregelt, sodass die Kommunikationsschleife nicht unbedingt erweitert werden muss und daher die bilaterale Kommunikation zwischen Personen beibehalten werden kann. Im Gegensatz zu Japan ist es in Deutschland eher unüblich, „zu vorsichtig zu sein“ und zwingend weitere Personen durch Kopie zu informieren.
 

Auf der anderen Seite gibt es auch einen Vorteil dieser Cc-Kultur in Japan. Solange die Information keine empfindlichen Inhalte aufweist, könnte das Teilen der Information vielleicht einen Anstoß zu einer neuen Entwicklung werden oder bei einem mehrdimensionalen Überblick über den Marktbedarfs helfen. Ich meine damit nicht, dass die japanische Methode nicht zu gebrauchen ist, sondern ein hybrides Denken wäre meiner Meinung nach wichtiger. 
 

Drittens ist in Deutschland die Planung sehr wichtig. Das heißt, zuerst müssen der Zweck, die Aufgabe, der Zeitplan und die Gründe geklärt werden. Der erste Plan ist jedoch nicht endgültig, und es ist häufig der Fall, dass die Priorität flexibel geändert und der Plan je nach Situation mutig angepasst wird. In Japan besteht die Tendenz, an dem ursprünglich festgelegten Plan festzuhalten und Änderungen zu minimieren. Für die Japaner ist der flexible Stil Deutschlands daher manchmal zunächst verwirrend.
 

Abseits des Berufslebens bietet Bayern viele Möglichkeiten, wie verbringen Sie gerne Ihre Freizeit? Haben Sie bestimmte Lieblingsorte in Bayern?
 

Bayern ist für Outdoor-Enthusiasten wie mich ein sehr attraktives Bundesland, weil es relativ einfach ist, verschiedene Sportarten wie Trekking und Skifahren zu betreiben. Ich spiele das ganze Jahr über mit meinen Bekannten und Freunden Tennis im Rothof in München. 
 

Wenn der Winter zu Ende geht, spiele ich nicht nur Tennis, sondern fahre auch mit dem Mountainbike in die Wälder außerhalb Münchens, etwa zum Schloss Schleißheim oder entlang des Isarufers zum Forstenrieder Park. 
 

Trekking in den deutschen Alpen ist in Bayern ebenfalls schnell und einfach möglich. Von München aus war ich viel in der Region um Mittenwald, weil ich dort die über 2.000 Meter hohen Berge leicht erreichen kann. In Zukunft möchte ich mit dem Mountainbike auf einem Trail fahren und auf dem höchsten Berg Deutschlands, der Zugspitze, wandern gehen.
 

Haben Sie Tipps für japanische Unternehmen, die sich für einen Standort in Europa interessieren?
 

In Deutschland gibt es in jedem Bundesland Agenturen für Wirtschaftsförderung wie Invest in Bavaria, von denen man sich über verschiedene Gesetze wie Umweltvorschriften, Sicherheit und Gesundheitsschutz sowie Arbeitsmanagement beraten lassen kann. Auch wichtige Kontakte zu Organisationen und Experten können so geknüpft werden. Wir können nur empfehlen, die Wirtschaftsförderung in großem Umfang zu nutzen, da sie bei der Vorstellung passender Geschäftspartner und der Teilnahme an Netzwerken wie Industrieclustern gute Unterstützung bietet.

Der Freistaat Bayern, dessen Wirtschaftskraft mit den wirtschaftlich bedeutendsten EU-Mitgliedstaaten vergleichbar ist, wird weiterhin hohe Standards in Bezug auf fortschrittliche Technologieentwicklung, industrielle Produktion, Bildung und Sicherheit beibehalten.
Das macht Bayern zu einem top Wirtschaftsstandort in Europa.